Kluge Mädchen und Frauen beeindrucken durch analytisches Denken, schnelle Auffassungsgabe und außergewöhnliche Problemlösungsfähigkeiten. Doch nicht immer nehmen sie ihre eigene intellektuelle Überlegenheit bewusst wahr. Statt ihr Wissen und ihre Fähigkeiten selbstbewusst zu nutzen, neigen manche überdurchschnittlich intelligente oder hochbegabte Frauen dazu, ihre eigene Brillanz auf andere zu projizieren – sei es auf Lehrerinnen, Vorgesetzte oder Partner. Sie bewundern Charisma, rhetorisches Geschick oder Autorität und übersehen dabei oft, dass sie selbst über vergleichbare oder sogar größere Fähigkeiten verfügen. Dieser Artikel beleuchtet, warum hochbegabte Frauen ihre Überlegenheit auf andere übertragen, welche Konsequenzen das hat und wie sie lernen können, sich ihre eigene Stärke einzugestehen.
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Warum intelligene Mädchen und Frauen ihre Fähigkeiten unterschätzen
Besonders intelligente oder hochbegabte Mädchen lernen früh, dass Bescheidenheit eine gesellschaftlich geschätzte Eigenschaft ist. Während männliche Intelligenz oft als Stärke gefeiert wird, wird kluge Weiblichkeit noch immer mit sozialer Anpassung und Zurückhaltung verknüpft. Wer als Mädchen intelligent oder gar hochbegabt ist, fällt schnell in das Dilemma zwischen brillanter Leistung und sozialer Akzeptanz. Viele entwickeln deshalb eine unbewusste Strategie: Sie spielen ihre Fähigkeiten herunter, während sie die Kompetenz und Durchsetzungsstärke anderer überhöhen.
Diese Dynamik zeigt sich besonders in der Schulzeit. Hochbegabte Mädchen bewundern oft charismatische Lehrerinnen oder intellektuell selbstbewusste Mitschüler, weil sie in ihnen das sehen, was sie sich selbst nicht zugestehen. Statt ihre eigene analytische Stärke als außergewöhnlich zu erkennen, glauben sie, dass andere Menschen grundsätzlich klüger, talentierter oder fähiger sind. Das führt dazu, dass sie sich zurückhalten, auch wenn sie eine fundierte Meinung haben oder eine bessere Lösung kennen.
Projektion in Studium und Beruf: Wenn andere kompetenter erscheinen
Im späteren Leben setzt sich dieses Muster häufig fort. Hochbegabte Frauen neigen dazu, Vorgesetzte oder Kolleginnen mit starker Präsenz als natürlich überlegen wahrzunehmen – selbst dann, wenn sie fachlich auf Augenhöhe oder sogar überlegen sind. Sie bewundern Führungspersönlichkeiten, weil diese sich selbstsicher präsentieren und keine Zweifel an ihren Fähigkeiten erkennen lassen. Dabei verkennen sie oft, dass Durchsetzungsvermögen und Charisma nicht immer mit tatsächlicher Kompetenz korrelieren.
Ein weiteres Beispiel für Projektion zeigt sich in zwischenmenschlichen Beziehungen. Hochbegabte Frauen übertragen ihre eigenen analytischen Fähigkeiten, ihren Ideenreichtum oder ihre Problemlösungskompetenz auf Partner oder Freunde. Sie glauben, dass diese besonders klug oder vorausschauend sind, obwohl sie selbst die eigentliche treibende Kraft hinter tiefgründigen Gesprächen oder neuen Denkanstößen sind. Diese Projektion kann dazu führen, dass sie sich unbewusst unterordnen oder sich in Beziehungen intellektuell bremsen, weil sie den Eindruck haben, dass sie ohnehin nicht „mithalten“ können.
Konsequenzen der Projektion: Warum kluge Mädchen und kluge Frauen sich selbst im Weg stehen
Die Übertragung eigener Fähigkeiten auf andere hat tiefgreifende Folgen. Hochbegabte Frauen setzen sich seltener für Führungspositionen ein, weil sie glauben, dass andere besser geeignet sind. Sie unterschätzen ihre eigene Kompetenz in schulischen, akademischen oder beruflichen Kontexten und halten sich zurück, anstatt ihre Ideen aktiv einzubringen. Auch im zwischenmenschlichen Bereich führt diese Selbstverkennung dazu, dass sie sich in ihrer intellektuellen Entwicklung selbst begrenzen, weil sie nicht erkennen, dass sie es sind, die Diskussionen bereichern und neue Perspektiven eröffnen.
Langfristig kann diese Projektion dazu führen, dass hochbegabte Frauen frustriert sind, weil sie ihre eigenen Potenziale nicht voll ausschöpfen. Sie fragen sich, warum sie trotz exzellenter Fähigkeiten nicht die gleichen Chancen ergreifen wie andere. Die Antwort liegt oft nicht in einem Mangel an Begabung, sondern in der unbewussten Tendenz, ihre eigene Klugheit nicht als solche zu akzeptieren.
Wie kluge Frauen ihre Projektionen auflösen können
Der erste Schritt zur Veränderung ist das Bewusstsein über diese Mechanismen. Hochbegabte Frauen sollten sich aktiv fragen: Bewundere ich diese Person wirklich für ihre Kompetenz – oder sehe ich in ihr meine eigene unerkannte Stärke? Eine bewusste Reflexion über eigene Leistungen, Fähigkeiten und Denkmuster kann helfen, die eigene Brillanz zu erkennen und anzunehmen.
Ein weiterer Schritt ist die gezielte Konfrontation mit eigenen Erfolgen. Viele kluge Frauen neigen dazu, ihre Leistungen zu relativieren („Ich hatte einfach Glück“ oder „Das war nicht so schwer“). Doch anstatt Erfolge auf äußere Umstände zu schieben, sollten sie sich bewusst machen, dass ihr Wissen und ihre analytischen Fähigkeiten der eigentliche Grund für ihre Erfolge sind.
Netzwerke mit anderen hochbegabten Frauen können ebenfalls helfen, Projektionen zu erkennen und sich gegenseitig in der eigenen Kompetenz zu stärken. Der Austausch mit Gleichgesinnten macht sichtbar, dass viele Frauen mit denselben Denkmustern kämpfen – und dass Selbstbewusstsein ebenso erlernbar ist wie jedes andere intellektuelle Konzept.
Klugheit bzw. Hochbegabung ist kein Fremdbild, sondern eine innere Realität
Hochbegabte Frauen müssen ihre Klugheit nicht in anderen suchen – sie tragen sie bereits in sich. Ihre Tendenz, eigene Fähigkeiten auf andere zu projizieren, beginnt oft in der Kindheit und setzt sich im Erwachsenenleben fort. Doch wer erkennt, dass die bewunderten Eigenschaften anderer oft nur ein Spiegel der eigenen Stärken sind, kann diesen Mechanismus durchbrechen. Die Herausforderungen, die mit Hochbegabung einhergehen, setzen nicht erst bei einem IQ von 130 ein – sie zeigen sich bereits früh in subtilen Selbstzweifeln und sozialer Anpassung. Doch mit der richtigen Perspektive und Unterstützung kann Hochbegabung zu einer Quelle von Selbstvertrauen, Erfolg und Erfüllung werden.
Weiterführende Literatur:
📖 Drekovic, A. (2022). Weiblich, hochbegabt, unterschätzt
📖 Rinn, A. N., & Bishop, J. (2015). Gifted Females’ Imposter Phenomenon and Self-Concept: The Possible Influence of Stereotypes.
📖 Clance, P. R., & Imes, S. A. (1978). The Impostor Phenomenon in High Achieving Women: Dynamics and Therapeutic Intervention. Psychotherapy: Theory, Research & Practice, 15(3), 241-247.
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