Hochbegabte Mädchen sind oft Meisterinnen der Anpassung. Sie erkennen früh, welche Erwartungen an sie gestellt werden, und verbergen ihre besonderen Fähigkeiten, um nicht als „anders“ wahrgenommen zu werden. Doch wer sich dauerhaft kleiner macht, verliert den Zugang zu seiner eigenen Begabung und zu sich selbst. Dieser Artikel zeigt, wie kluge Mädchen eine begabungsgerechte Identität entwickeln können – eine, die ihre Intelligenz nicht versteckt, sondern selbstbewusst annimmt.
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Warum hochbegabte Mädchen sich oft anpassen
Bereits in der Grundschule fällt auf, dass besonders intelligente oder hochbegabte Mädchen ihre Fähigkeiten oft subtiler zeigen als Jungen. Während begabte Jungen durch Neugier, Widerstand oder Wettbewerbsgeist auffallen, legen Mädchen häufig Wert auf Harmonie und soziale Zugehörigkeit. Sie verstehen schnell, dass übermäßiges Wissen oder schnelles Denken irritieren kann und lernen, sich unauffällig in die Gruppe einzufügen. Das Ergebnis: Sie gelten als „fleißig“ statt als hochbegabt, als „reif“ statt als außergewöhnlich intelligent.
Diese frühe soziale Anpassung kann dazu führen, dass sich kluge und hochbegabte Mädchen von ihrer eigenen Intelligenz und ihrem Selbst entfremden. Sie identifizieren sich nicht mit ihrem kognitiven Potenzial, sondern mit den Erwartungen anderer. Bereits im Kindergarten und Schule wie auch später im Studium oder Beruf äußert sich dies in Unsicherheiten, Perfektionismus oder dem Gefühl, sich ständig beweisen zu müssen.
Der Weg zur begabungsgerechten Identität
Um eine Identität zu entwickeln, die die eigene Hochbegabung integriert, müssen kluge Mädchen lernen, ihre Fähigkeiten als natürlichen Teil ihrer Persönlichkeit zu akzeptieren – und nicht als Abweichung von der Norm. Ein erster Schritt ist die bewusste Reflexion: Wer bin ich unabhängig von den Erwartungen anderer? Was interessiert mich wirklich? Wann fühle ich mich geistig gefordert und erfüllt?
Ein weiteres wichtiges Element ist die Sprache. Viele hochbegabte Mädchen neigen dazu, ihre Leistungen abzuschwächen („Ich hatte nur Glück“, „Das war nicht so schwer“). Doch wer die eigene Intelligenz herunterspielt, macht sie unsichtbar – nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst. Selbstbewusst über eigene Fähigkeiten zu sprechen, ist kein Zeichen von Arroganz, sondern von Authentizität.
Auch das Umfeld spielt eine entscheidende Rolle. Hochbegabte Mädchen profitieren von Mentoren, Vorbildern und Gleichgesinnten, die sie in ihrer Denkweise bestärken. Wer sich mit anderen klugen Frauen austauscht, erkennt, dass Intelligenz nicht versteckt werden muss, sondern eine Bereicherung ist. Besonders hilfreich sind Netzwerke, die über die klassischen Schulsysteme hinausgehen – sei es durch Wettbewerbe, kreative Projekte oder inspirierende Communities.
Ein weiterer Schlüsselfaktor ist der Umgang mit Perfektionismus. Hochbegabte Mädchen setzen sich oft unter Druck, in allem herausragend sein zu müssen. Doch eine begabungsgerechte Identität bedeutet nicht, fehlerfrei zu sein, sondern die eigene Denkweise wertzuschätzen. Der Fokus sollte darauf liegen, was Freude bereitet und intellektuell stimuliert – nicht darauf, ob jede Leistung makellos ist.
Fazit: Klugheit als Teil der eigenen Identität annehmen
Hochbegabte Mädchen stehen oft vor der Herausforderung, ihre Intelligenz in ein positives Selbstbild zu integrieren. Der Prozess beginnt nicht erst mit einem IQ-Test oder einer akademischen Auszeichnung – er setzt viel früher ein, in der Art, wie sie sich selbst wahrnehmen und mit ihrer Begabung umgehen. Eine begabungsgerechte Identität bedeutet, sich selbst nicht kleiner zu machen, um dazuzugehören, sondern die eigene Klugheit als Stärke anzunehmen. Wenn das gelingt, kann Hochbegabung nicht nur zu beruflichem Erfolg führen, sondern auch zu tiefer Zufriedenheit und intellektueller Erfüllung.
Weiterführende Literatur:
📖 Drekovic, A. (2022). Weiblich, hochbegabt, unterschätzt: Wenn Klugheit im Stillen verblasst.
📖 Reis, S. M. (2002). Social and Emotional Issues Faced by Gifted and Talented Girls.
📖 Clance, P. R., & Imes, S. A. (1978). The Impostor Phenomenon in High Achieving Women.